

„Denise Ghard: Zwischen Scheinwerferlicht und den stillen Momenten.“
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Meine erste Begegnung mit Denise Ghard liegt inzwischen einige Jahre zurück. Im Metropol Theater in Köln erlebte ich sie damals in „Schneewittchen. Kein Kindermärchen“ auf der Bühne. Seit diesem Abend ist viel Zeit vergangen, und wenn ich heute auf ihren bisherigen Weg zurückblicke, erfüllt mich das mit Stolz. Stolz, weil ich miterleben durfte, wie sich aus der jungen Schauspielerin eine vielseitige Künstlerin entwickelt hat, die ihren Weg mit Leidenschaft, Beharrlichkeit und bemerkenswerter Eigenständigkeit gegangen ist. Denise besitzt dabei eine besondere Eleganz, die mich bisweilen an eine moderne Sissi erinnert: eine gewisse Grandezza und eine fast pompöse Bühnenpräsenz, die jedoch niemals auf Kosten ihrer Feinfühligkeit geht. Im Gegenteil: hinter dieser Ausstrahlung liegt eine große Sensibilität, eine Wärme und ein feines Gespür für Menschen und ihre Geschichten. Vielleicht ist es gerade diese Verbindung aus Stärke und Empfindsamkeit, die ihre Persönlichkeit so besonders macht. Als Schauspielerin, Dozentin und Begleiterin anderer Künstlerinnen und Künstler hat sie über die Jahre viele Facetten ihres Berufes kennengelernt, vor der Kamera ebenso wie abseits des Scheinwerferlichts.
Und genau dort, wo das Rampenlicht gewöhnlich endet, beginnt ein wesentlicher Teil von „The Acting Agenda“. Denise beschreibt in unserem Gespräch sehr eindrücklich, dass die Schauspielwelt von außen häufig wie eine goldene Kugel erscheint: Premieren, rote Teppiche, große Rollen und der Glanz fertiger Produktionen. Doch wer sich tatsächlich in diesem Beruf bewegt, erkennt schnell, dass die Kugel längst nicht aus purem Gold besteht. Hinter jeder sichtbaren Rolle liegen Monate der Vorbereitung, unbeantwortete Anfragen, Absagen, Warten, Selbstzweifel und jene stillen Phasen, in denen scheinbar nichts geschieht. Denise kennt diese Zwischenräume aus eigener Erfahrung – und ebenso aus ihrer Arbeit als Dozentin. Dabei entstand über Jahre die Erkenntnis, dass Schauspielerinnen und Schauspieler zwar viel darüber lernen, wie man spielt, aber vergleichsweise wenig darüber, wie man diesen Beruf eigentlich lebt. „The Acting Agenda“ ist aus genau diesem Gedanken heraus entstanden: nicht als Versprechen eines einfachen Erfolgsrezeptes, sondern als Begleiter für jene Zeiten, in denen man sich selbst fragen muss, was als Nächstes möglich ist und wie man den eigenen Wert nicht davon abhängig macht, ob gerade das Telefon klingelt.
Vielleicht macht gerade das dieses Buch so persönlich. Es erzählt nicht nur vom Schauspielberuf, sondern von dem Menschen, der ihn ausübt, von Selbstführung, Kreativität, Vorbereitung, Sichtbarkeit und dem Umgang mit den unvermeidlichen Höhen und Tiefen eines Weges, den niemand vollständig kontrollieren kann. Für mich ist „The Acting Agenda“ deshalb auch ein weiterer Ausdruck dessen, was ich an Denise über die Jahre schätzen und miterleben durfte: ihre Liebe zu ihrem Beruf, ihren Blick für die Menschen dahinter und den Wunsch, Erfahrungen nicht für sich zu behalten, sondern weiterzugeben. Für 12 Fragen nahm sich Denise die Zeit, mit OBZ über die Entstehung von „The Acting Agenda“, ihre eigenen Erfahrungen und die Gedanken hinter ihrem Buch zu sprechen. Dafür möchte ich ihr an dieser Stelle nicht nur danken, sondern auch meine Freude darüber ausdrücken. (Dewey Darko).
INTERVIEW!
OBZ: Wie entstand ursprünglich der Gedanke, ein Buch wie „The Acting Agenda“ zu schreiben? Gab es einen konkreten Moment oder eine persönliche Erfahrung, die den Anstoß dafür gegeben hat?
GHARD: Es gab tatsächlich nicht diesen einen großen Moment, in dem ich dachte: So, jetzt schreibe ich ein Buch. Es war eher etwas, das sich über Jahre angesammelt hat. Sowohl durch meine eigene Arbeit als Schauspielerin als auch durch meine Arbeit als Dozentin. Mir ist irgendwann aufgefallen, dass wir unglaublich viel darüber lernen, wie wir spielen, aber erstaunlich wenig darüber, wie wir diesen Beruf eigentlich leben. Also: Was mache ich mit den Wochen oder Monaten, in denen kein Dreh ansteht? Wie bleibe ich in Bewegung, wenn gerade niemand etwas von mir möchte? Wie gehe ich mit Absagen um? Wie organisiere ich mich, wie positioniere ich mich, wie bleibe ich kreativ und vor allem: Wie schaffe ich es, meinen eigenen Wert nicht permanent davon abhängig zu machen, ob gerade irgendwo mein Telefon klingelt? Ich kenne diese Zwischenphasen selbst sehr gut. Und gleichzeitig habe ich bei meinen Studierenden und Kolleg:innen immer wieder gemerkt, dass wir an ganz ähnlichen Punkten kämpfen, aber häufig jeder für sich allein. Irgendwann entstand daraus der Gedanke: Eigentlich bräuchten wir einen Begleiter genau für diese Zeit. Kein Buch, das einem verspricht, wie man in zehn Schritten erfolgreich wird. Sondern eher jemanden neben sich, der sagt: Okay. Gerade passiert vielleicht nichts von außen. Aber was können wir jetzt tun? Und daraus ist über ungefähr ein Jahr hinweg The Acting Agenda entstanden.
OBZ: Sie verbinden darin Ihre eigenen Erfahrungen als Schauspielerin mit Ihrer Arbeit als Schauspieldozentin. Welche Erfahrungen aus Ihrer eigenen Laufbahn haben den Inhalt des Buches besonders geprägt?
GHARD: Wahrscheinlich tatsächlich die Erfahrung, dass eine Schauspielkarriere überhaupt nicht linear verläuft. Es gibt Zeiten, da passiert wahnsinnig viel, man dreht, bekommt Castings, lernt neue Menschen kennen und denkt: Jetzt geht es los. Und dann kann es plötzlich wieder ganz still werden. Diese Wechsel habe ich selbst erlebt. Und ich habe irgendwann verstanden, wie gefährlich es sein kann, die eigene Motivation ausschließlich daran zu hängen, was von außen zurückkommt. Denn über einen großen Teil dieses Berufs haben wir schlicht keine Kontrolle. Ich kann eine Rolle wahnsinnig gut spielen und trotzdem nicht besetzt werden. Ich kann hervorragend vorbereitet sein und trotzdem nicht dem Typ entsprechen, der am Ende gesucht wird. Timing, Ensemblekonstellation, Finanzierung, Bekanntheit, Marktlogik, ganz viele Dinge spielen mit hinein.
Was ich aber beeinflussen kann, ist mein Material, meine Vorbereitung, meine Sichtbarkeit, meine Kontakte, mein Handwerk und die Art, wie ich mit mir selbst durch diesen Beruf gehe. Und genau das erlebe ich auch als Dozentin immer wieder: Schauspieler:innen brauchen natürlich handwerkliche Ausbildung. Aber sie brauchen auch ein realistisches Verständnis davon, was nach der Ausbildung eigentlich kommt. Genau diese beiden Perspektiven wollte ich zusammenbringen.
OBZ: Der Schauspielberuf wird von außen häufig mit Premieren, roten Teppichen und erfolgreichen Produktionen verbunden. Wie sieht die Realität hinter dieser sichtbaren Seite des Berufs aus?
GHARD: Das ist eigentlich eine meiner Lieblingsfragen, weil genau dort der Kern des Buches liegt. Was man von diesem Beruf sieht, ist nur ein wahnsinnig kleiner Ausschnitt. Ich vergleiche das immer ganz gerne mit einer goldenen Kugel. Solange man noch nicht wirklich in diesem Beruf drin ist, schaut man irgendwie zu dieser Kugel hoch und denkt: Boah, wie komme ich da rein? Wie komme ich da hin? Man sieht Drehs, Premieren, rote Teppiche, tolle Rollen und denkt, wenn man erst einmal Teil dieser Welt ist, dann hat man es irgendwie geschafft. Und wenn man dann drin ist, stellt man relativ schnell fest: Oh krass, die Kugel ist gar nicht aus Gold. Die ist eigentlich nur gold angesprüht. Und das meine ich überhaupt nicht negativ, denn ich liebe diesen Beruf wirklich sehr. Aber die Realität ist eben wesentlich unglamouröser und komplexer als das, was man von außen davon sieht. Man sieht den fertigen Film, das Setfoto, die Premiere. Was man meistens nicht sieht, sind die Monate davor und danach. Die unbeantworteten Anfragen. Die Selftapes, für die man einen halben Tag gearbeitet hat und auf die vielleicht nie eine Rückmeldung kommt. Die Absagen. Das Warten. Die Steuererklärung. Die neuen Fotos, die man bezahlen muss. Die Weiterbildung. Die Nebenjobs. Die Frage, ob man gerade genug verdient. Und manchmal auch schlicht diese merkwürdigen Dienstagvormittage, an denen nichts passiert und man sich selbst dazu bringen muss, trotzdem weiterzumachen. On Set ist eigentlich nur die sichtbare Spitze unseres Berufs. Ein riesiger Teil des Schauspieler:innenlebens findet Off Set statt. Und genau deshalb wollte ich diese Zeit nicht länger als eine Art lästige Wartehalle betrachten. Sie ist Teil unseres Berufs. Vielleicht sogar der Teil, in dem wir am meisten lernen müssen, uns selbst zu führen.
OBZ: Absagen und Zeiten ohne Engagement gehören für viele Schauspieler:innen zum Berufsalltag. Was kann dabei helfen, eine berufliche Absage nicht als persönliche Ablehnung zu empfinden?
GHARD: Ich glaube, zuerst einmal hilft Wissen. Je besser man versteht, wie Besetzungsprozesse tatsächlich funktionieren, desto leichter wird es, nicht jede Entscheidung unmittelbar auf den The Acting Agenda | Denise Ghard | 3 eigenen Wert zu beziehen. Gleichzeitig finde ich aber wichtig, anzuerkennen, dass dieser Beruf uns da etwas ziemlich Paradoxes abverlangt: Unser Beruf braucht unsere Verletzlichkeit. Genau die brauchen wir ja, um überhaupt gut spielen zu können. Wir müssen offen sein, uns zeigen, etwas von uns preisgeben, uns emotional zur Verfügung stellen. Und gleichzeitig bewegen wir uns in einem Beruf, in dem genau dieses Sich-Zeigen permanent bewertet wird. Wir schicken ein Casting raus und hören vielleicht nie wieder etwas. Wir zeigen etwas sehr Persönliches und bekommen eine Absage. Oder eben gar keine Reaktion. Ich glaube deshalb auch gar nicht, dass das Ziel sein kann, irgendwann so hart zu werden, dass einen das alles nicht mehr berührt. Im Gegenteil. Diese Offenheit ist ja ein Teil dessen, was uns als Künstler:innen ausmacht. Die Kunst besteht für mich eher darin, zu lernen, diese Verletzlichkeit zu schützen, ohne sie zu verlieren. Natürlich darf eine Absage also wehtun. Besonders wenn man eine Rolle wirklich wollte. Ich halte gar nichts davon, sich einzureden: „Ist mir egal, nächste!“ Aber ich kann lernen, eine Besetzungsentscheidung von meinem persönlichen Wert zu trennen. Denn eine Besetzung ist keine objektive Rangliste der besten Schauspieler:innen. Typ, Timing, Ensemblekonstellation, Marktlogik, Bekanntheit, manchmal ganz banale äußere Faktoren – so vieles spielt dabei eine Rolle. Mir hilft deshalb die Trennung zwischen Ergebnis und Leistung. Das Ergebnis kann ich nicht kontrollieren. Meine Arbeit schon. War ich vorbereitet? Habe ich eine Entscheidung getroffen? Habe ich gespielt, statt gefallen zu wollen? Habe ich etwas abgegeben, hinter dem ich stehe? Wenn ich darauf mit Ja antworten kann, dann darf ich auch lernen, das Ergebnis wieder loszulassen. Und genau deshalb gehören für mich Karrierearbeit und mentale Stabilität so unmittelbar zusammen.
OBZ: „The Acting Agenda“ beschäftigt sich nicht nur mit Karriere und Casting, sondern auch mit Selbstfürsorge und mentaler Stärke. Warum war es Ihnen wichtig, diese beiden Bereiche miteinander zu verbinden?
GHARD: Weil ich nicht glaube, dass man sie in diesem Beruf wirklich voneinander trennen kann. Wir sprechen unglaublich viel darüber, wie Schauspieler:innen sichtbarer, erfolgreicher oder besser vernetzt werden können. Aber was bringt mir die perfekte Karrierestrategie, wenn ich innerlich nach jeder Absage zusammenbreche? Und andersherum reicht es natürlich auch nicht, ausschließlich auf sich selbst zu schauen und zu hoffen, dass die Karriere irgendwie passiert. Für mich braucht es beides.
Wir arbeiten in einem Beruf, der von uns verlangt, verletzlich zu bleiben, während wir gleichzeitig ständig mit Bewertung und Ablehnung konfrontiert sind. Da kann mentale Stabilität für mich kein Nebenthema dieses Berufs sein. Im Gegenteil: Ich glaube, wir müssen lernen, diese Verletzlichkeit zu schützen, ohne sie zu verlieren. Denn genau diese Offenheit brauchen wir ja gleichzeitig für unsere Arbeit. Deshalb gibt es im Buch diese zwei Seiten: On Set, also alles, was nach außen gerichtet ist, und Off Set, also die Seite, die sich mit einem selbst beschäftigt. Mit Selbstwert, Grenzen, Vergleichen, Ablehnung und mentaler Stabilität, aber auch mit der Frage: Wer bin ich eigentlich noch außerhalb meines Berufs? Gerade für Künstler:innen finde ich diese Frage unglaublich wichtig. Denn wir lieben diesen Beruf meistens sehr. Und genau deshalb kann er auch sehr nah an uns herankommen.
OBZ: Wie wichtig sind Ihrer Erfahrung nach feste Routinen und eine gute Selbstorganisation in einem Beruf, der von so viel Ungewissheit und Unplanbarkeit geprägt ist?
GHARD: Für mich sind sie gerade wegen dieser Unplanbarkeit wichtig. Wir können den Beruf nicht planbar machen. Aber wir können uns innerhalb dieser Unplanbarkeit Strukturen schaffen. Und dabei meine ich ausdrücklich nicht, dass jeder Schauspieler morgens um sechs aufstehen, meditieren, Sport machen und anschließend drei Stunden Karrierearbeit leisten muss. Das wäre überhaupt nicht mein Ansatz. Eine gute Routine ist für mich etwas, das mich auch an einem schlechten Mittwoch trägt. Das kann bedeuten, einmal pro Woche seine Branchenkontakte zu pflegen, regelmäßig Material zu überprüfen, Texte zu lernen, Sport zu machen oder sich feste Zeit für kreatives Arbeiten zu nehmen. Der entscheidende Punkt ist: Ich möchte nicht jeden Morgen darauf warten müssen, dass Motivation zufällig vorbeikommt. Denn die kommt manchmal einfach nicht. Routinen schaffen dann Handlung. Und Handlung ist für mich eines der besten Mittel gegen dieses Gefühl von Stillstand.
OBZ: Schauspieler:innen müssen sich heute zunehmend auch selbst vermarkten – durch Showreels, Social Media, Networking und Personal Branding. Wie viel Selbstvermarktung ist notwendig, ohne dabei die eigene Persönlichkeit und die eigentliche Leidenschaft für den Beruf zu verlieren?
GHARD: Ich glaube, das Wort „Selbstvermarktung“ löst bei vielen Künstler:innen schon einen kleinen inneren Widerstand aus. Weil wir ja Schauspieler:innen geworden sind, um zu spielen und nicht, um Marketingmanager:innen unserer eigenen Person zu werden. Trotzdem gehört ein unternehmerischer Anteil heute zu unserem Beruf. Mein Material, meine The Acting Agenda | Denise Ghard | 5 Website, mein Showreel, meine Fotos, meine Kommunikation, meine Kontakte: Das alles beeinflusst, ob Menschen überhaupt wissen, dass es mich gibt und wofür sie mich besetzen könnten. Ich finde aber wichtig, dass daraus keine Kunstfigur entsteht. Personal Branding bedeutet für mich nicht: „Wie mache ich mich möglichst interessant?“ Sondern eher: Wie mache ich möglichst klar sichtbar, was ohnehin da ist? Wenn ich plötzlich jeden Tag Content produziere, den ich hasse, nur weil ich glaube, dass der Algorithmus das verlangt, verliere ich irgendwann den Bezug zu dem, weshalb ich diesen Beruf eigentlich mache. Sichtbarkeit sollte meiner Arbeit dienen. Nicht meine Arbeit der Sichtbarkeit.
OBZ: Sie haben selbst als Schauspielerin in verschiedenen Film- und Fernsehproduktionen gearbeitet. Gibt es eine Rolle, eine Produktion oder eine Erfahrung am Set, die Ihre Sicht auf den Beruf nachhaltig verändert hat?
GHARD: Ich glaube, besonders prägend war für mich tatsächlich die Erfahrung, über einen längeren Zeitraum Teil einer Produktion zu sein. Bei WaPo Berlin habe ich über mehrere Monate die Kommissaranwärterin Sofia Berger gespielt. Wenn man nicht nur für einzelne Drehtage irgendwo hineinkommt, sondern über längere Zeit Teil eines Teams und einer Figur wird, erlebt man diesen Beruf noch einmal anders. Man merkt, wie viel Arbeit, Präzision und gleichzeitig Flexibilität hinter dem steckt, was später im Fernsehen ganz selbstverständlich aussieht. Und man erlebt sehr deutlich, dass Film eine Gemeinschaftsarbeit ist. Vor der Kamera kann ich meinen Teil beitragen, aber eine Szene entsteht durch unglaublich viele Menschen. Was solche längeren Engagements für mich aber auch deutlich gemacht haben: Genau dafür machen wir diesen ganzen Off-Set-Teil. Für diese Momente möchte ich bereit sein. Und gleichzeitig muss ich wissen, dass auch ein wunderschönes Projekt irgendwann „Danke, das war’s“ sagt und man wieder nach Hause fährt. Eine Karriere besteht nicht aus einem einzigen Projekt. Man muss lernen, sowohl in der Arbeit als auch zwischen den Arbeiten Schauspielerin zu sein.
OBZ: Warum haben Sie sich bei „The Acting Agenda“ für das Konzept eines Wendebuchs entschieden – mit einem Bereich für die Karriere und einem für Selfcare? Was kann dieses Konzept leisten, was ein klassischer Ratgeber vielleicht nicht leisten würde?
GHARD: Das Wendebuch war irgendwann die logischste Form für das, was ich erzählen wollte. Weil es genau diese zwei Realitäten unseres Berufs körperlich sichtbar macht. Auf der einen Seite steht On Set: Karriere, Casting, Sichtbarkeit, Material, Networking, Positionierung, Finanzen, Agentur. Also all die Dinge, bei denen ich aktiv nach außen arbeite.
Dann drehe ich das Buch tatsächlich um und komme zu Off Set. Dort geht es um das, was innen passiert: Selbstwert, Ablehnung, Vergleiche, mentale Stabilität, Selbstfürsorge und Reflexion. Und in der Mitte treffen sich beide Seiten. Das finde ich auch symbolisch sehr schön, weil für mich genau dort ein gesundes Schauspieler:innenleben entsteht. Nicht nur Karriere. Nicht nur Selfcare. Sondern die Fähigkeit, beides miteinander zu verbinden. Außerdem wollte ich ausdrücklich keinen klassischen Ratgeber schreiben, den man einmal von vorne bis hinten liest und dann ins Regal stellt. Man soll hineinschreiben, markieren, planen, zurückblättern, Dinge durchstreichen, neu anfangen. Es darf irgendwann benutzt aussehen. Im besten Fall begleitet es einen wirklich durch den Berufsalltag.
OBZ: Wenn Sie heute auf den Beginn Ihrer eigenen Schauspielkarriere zurückblicken: Was wissen Sie heute über diesen Beruf, das Sie damals gerne schon gewusst hätten?
GHARD: Dass Stillstand nicht automatisch bedeutet, dass etwas falsch läuft. Ich glaube, am Anfang denkt man sehr schnell in einer linearen Logik: Ausbildung, Agentur, erste Rolle, größere Rolle, nächste Rolle und irgendwann läuft es. So funktioniert dieser Beruf aber einfach nicht. Heute würde ich meinem jüngeren Ich wahrscheinlich sagen: Du wirst Phasen haben, in denen wahnsinnig viel passiert, und andere, in denen du das Gefühl hast, alle anderen ziehen an dir vorbei. Beides sagt erstaunlich wenig darüber aus, wo du in zwei Jahren stehen wirst. Und ich hätte gerne früher verstanden, wie wichtig es ist, sich selbst als aktive Gestalterin der eigenen Karriere zu begreifen, ohne gleichzeitig zu glauben, man könne alles kontrollieren. Das ist ein schmaler Grat. Ich kann sehr viel tun. Aber ich kann nicht alles erzwingen. Diese beiden Wahrheiten gleichzeitig auszuhalten, ist wahrscheinlich eine der wichtigsten Fähigkeiten in diesem Beruf.
OBZ: Was wünschen Sie sich, dass eine Schauspielerin oder ein Schauspieler nach der Arbeit mit „The Acting Agenda“ für sich persönlich mitnimmt – unabhängig davon, ob gerade ein großes Engagement vor der Tür steht oder eine schwierige Phase bevorsteht?
GHARD: Eigentlich wünsche ich mir etwas sehr Einfaches: Dass man sich ein bisschen weniger allein fühlt. Das war während der gesamten Entstehung mein wichtigster Gedanke. Wenn durch dieses Buch auch nur ein:e Schauspieler:in in einer schwierigen Phase das Gefühl hat: Okay, ich bin nicht die einzige Person, der es gerade so geht, dann hat es für mich schon etwas erreicht.
Und ich wünsche mir, dass man nach der Arbeit mit dem Buch ein bisschen klarer unterscheiden kann zwischen: Was liegt in meiner Hand und was nicht? Dass man für das, was in der eigenen Hand liegt, Verantwortung übernimmt, mutig ist, Dinge ausprobiert und immer wieder losgeht. Und dass man bei allem anderen lernt, ein bisschen freundlicher mit sich zu sein. Denn einer der wichtigsten Sätze im ganzen Buch ist für mich bis heute: Du bist Schauspieler:in, auch wenn gerade keine Kamera läuft.
OBZ: Und zum Abschluss: Wenn Sie die Entwicklung von „The Acting Agenda“ weiterdenken – was wünschen Sie sich für die Zukunft des Projekts und vielleicht auch für die Art und Weise, wie wir über den Schauspielberuf und seine Herausforderungen sprechen?
GHARD: Ich wünsche mir tatsächlich, dass The Acting Agenda irgendwann größer wird als nur dieses eine Buch. Nicht unbedingt im Sinne von „größer“ als Business, sondern als Gedanke und vielleicht auch als Community. Ich würde mir wünschen, dass wir innerhalb unserer Branche offener über die Teile des Berufs sprechen, die man normalerweise nicht auf Instagram sieht. Über Zweifel, finanzielle Unsicherheit, Absagen, Konkurrenzgedanken, lange Pausen. Aber eben auch darüber, wie wir uns gegenseitig unterstützen können. Denn ich glaube sehr an diesen Gedanken: We’re all in this together. Der Erfolg eines Kollegen oder einer Kollegin nimmt mir nichts weg. Und Schwierigkeiten werden häufig schon ein Stück leichter, wenn wir aufhören, so zu tun, als hätte jeder außer uns alles im Griff. Für The Acting Agenda selbst habe ich noch viele Ideen. Ich möchte, dass daraus langfristig ein Begleiter entsteht, der sich mit der Branche weiterentwickelt, und perspektivisch möchte ich das Konzept auch international zugänglich machen. Aber der Kern soll immer derselbe bleiben: Schauspieler:innen dabei zu unterstützen, ihren Beruf nicht nur dann als solchen zu empfinden, wenn gerade jemand „Und bitte!“ ruft. Sondern auch an all den Tagen dazwischen. Denn die gehören genauso zu unserem Schauspieler:innenleben.