


Am Morgen des 8. Februar 1977 stürmt Anthony G. „Tony“ Kiritsis das Büro des Präsidenten eines Hypothekenunternehmens. Mit einer präparierten Schrotflinte bewaffnet nimmt er ihn als Geisel und fordert 5 Millionen Dollar, Straffreiheit und eine öffentliche Entschuldigung.
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Ein Draht. Ein Gewehr. Ein Mensch, der nichts mehr zu verlieren glaubt. Mehr braucht Dead Man’s Wire nicht, um den Zuschauer in eine Geschichte hineinzuziehen, die von Beginn an eine unangenehme Anspannung erzeugt. Regisseur Gus Van Sant verzichtet dabei weitgehend auf spektakuläre Effekthascherei und verlässt sich stattdessen auf seine Figuren, ihre Eigenheiten und auf eine Inszenierung, die sich bewusst Zeit nimmt. Gerade dadurch entwickelt der Film eine ganz eigene Wirkung. Das eigentliche Herzstück des Films sind seine darstellerischen Leistungen. Vor allem Bill Skarsgård liefert als Entführer Tony Kiritsis eine beeindruckend intensive Vorstellung ab. Seine Figur bleibt über die gesamte Laufzeit schwer greifbar. Mal wirkt sie verletzlich und beinahe bemitleidenswert, nur wenige Augenblicke später wieder vollkommen unberechenbar und beängstigend. Genau diese Wechsel machen seine Darstellung so spannend. Skarsgård spielt keinen gewöhnlichen Bösewicht, sondern einen Menschen, dessen Gedankenwelt immer weiter aus den Fugen gerät. Man beobachtet ihn mit einer Mischung aus Faszination und Unbehagen.
Fast ebenso stark präsentiert sich jedoch ein anderer Star des Films – und der besitzt keinen einzigen Dialog. Die 1970er-Jahre wurden mit einer bemerkenswerten Liebe zum Detail rekonstruiert. Kleidung, Fahrzeuge, Farbgestaltung, Schauplätze und selbst kleinste Requisiten vermitteln den Eindruck, als wäre der Film tatsächlich in dieser Zeit entstanden. Diese Authentizität verleiht Dead Man’s Wire einen wunderbaren Charakter und macht das Zuschauen allein schon aus visueller Sicht zu einem Vergnügen. Solche Detailverliebtheit findet man heute längst nicht mehr selbstverständlich. Genau dort zeigt sich auch Gus Van Sants große Stärke. Er versteht es, Räume und Figuren wirken zu lassen, ohne jede Szene künstlich aufzublasen. Dadurch entsteht eine Atmosphäre, die den Zuschauer kontinuierlich begleitet und sich angenehm von vielen modernen Thrillern unterscheidet. Ganz rund läuft die Inszenierung allerdings nicht. Der Film versucht ständig den Spagat zwischen beklemmendem True-Crime-Drama, schwarzem Humor und satirischen Spitzen. Mal funktioniert diese Mischung ausgesprochen gut, dann wieder wirkt sie etwas unausgeglichen. Einzelne Szenen besitzen eine ernste, fast bedrückende Wirkung, während andere plötzlich einen ironischen Unterton anschlagen. Dadurch entsteht gelegentlich das Gefühl, als suche der Film selbst noch nach seiner endgültigen Haltung.
Hinzu kommt eine Kapitalismuskritik, die durchaus interessante Gedanken aufgreift, diese aber nicht immer mit der nötigen Zurückhaltung vermittelt. Manche Aussagen wirken etwas zu plakativ und nehmen dem Zuschauer die Möglichkeit, zwischen den Zeilen selbst zu lesen. Weniger Nachdruck hätte hier vermutlich sogar mehr Wirkung erzielt. Den Gesamteindruck schmälert das allerdings nur bedingt. Denn Dead Man’s Wire lebt nicht davon, jede erzählerische Idee perfekt auszubalancieren. Er lebt von seinen Figuren, von seiner eigenwilligen Atmosphäre und vor allem von seinem außergewöhnlichen Stil. Genau diese Eigenschaften verleihen dem Film Persönlichkeit und unterscheiden ihn angenehm von konventionellen True-Crime-Verfilmungen. Vielleicht wird Dead Man’s Wire nicht als Gus Van Sants ganz großes Meisterwerk in Erinnerung bleiben. Dafür besitzt der Film zu viele kleine Unsauberkeiten und erzählerische Schwankungen. Seine Besetzung, allen voran Bill Skarsgård, und die beeindruckend detailreiche Rekonstruktion der 1970er-Jahre sorgen jedoch dafür, dass man ihm gerne folgt. Gerade diese Liebe zum Detail macht den Film sehenswert und verleiht einer ohnehin außergewöhnlichen Geschichte den passenden Rahmen.
Die Bildgestaltung orientiert sich bewusst an einer älteren Optik und verleiht Dead Man’s Wire einen authentischen Retro-Charakter. Das leicht nostalgische Color Grading unterstreicht die Zeit, in der die Handlung spielt, ohne dabei künstlich zu wirken. Trotz der eingesetzten Stilmittel bleibt die Schärfe durchgehend klar und sorgt für eine saubere Wiedergabe der zahlreichen Details. Der hell abgestimmte Kontrast lässt das Geschehen angenehm wirken, während der etwas zurückhaltende Schwarzwert zwar nicht ganz die gewünschte Tiefe erreicht, sich aber harmonisch in den gewählten Bildstil einfügt.
Die Tonspur überzeugt mit einer ausgewogenen und sauberen Abmischung. Sämtliche Dialoge sind jederzeit klar verständlich und stehen angenehm im Mittelpunkt. Gleichzeitig sorgt eine gute Dynamik dafür, dass sowohl ruhigere Gesprächsszenen als auch die angespannten Momente des Geiseldramas glaubwürdig transportiert werden. Große akustische Effekte sind dabei nicht das Ziel – stattdessen setzt der Film auf eine natürliche und stimmige Klangkulisse, die den realistischen Charakter der Geschichte wirkungsvoll unterstützt.
Das Bonusmaterial beschränkt sich auf den Trailer zum Film. Weitere Einblicke in die Produktion oder den realen Hintergrund der Geschichte wären durchaus wünschenswert gewesen.