

Der junge Billy Fisher arbeitet im Büro einer Bestattungsfirma in der nordenglischen Provinz. Gelangweilt von Job und Leben erfindet er Geschichten über seine Familie und flüchtet sich in ausgeklügelte Tagträume, in denen er Kriegsheld und politischer Führer der Fantasienation Ambrosia ist. Auch die beiden Frauen Rita und Barbara belügt er, um sich mit beiden treffen zu können. Allein die freigeistige Liz weckt sein aufrichtiges Interesse, scheint sie ihn doch als Einzige zu verstehen.
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John Schlesingers Geliebter Spinner gehört zu jenen frühen Arbeiten, die bis heute etwas von der besonderen Energie der British New Wave bewahrt haben, ohne dabei deren Härte vollständig zu übernehmen. Statt die Tristesse des Alltags mit voller Wucht auf den Zuschauer loszulassen, begegnet Schlesinger ihr mit einem charmanten Humor und einem erstaunlich liebevollen Blick auf seine Figuren. Gerade diese Leichtigkeit macht den Film auch heute noch so angenehm und gleichzeitig so interessant. Tom Courtenay spielt den jungen Billy Fisher, der in einer nordenglischen Provinzstadt in einer Bestattungsfirma arbeitet. Sein Beruf könnte kaum besser zu seiner eigenen Lebenssituation passen: Alles wirkt festgefahren, eintönig und irgendwie schon vorbei, bevor es überhaupt richtig begonnen hat. Billy flüchtet deshalb in Geschichten, Erfindungen und Tagträume, macht sich seine Welt ein wenig erträglicher und erschafft sich in Gedanken Situationen, in denen sein Leben plötzlich ganz anders aussehen könnte. Das wirkt zunächst skurril und beinahe niedlich, besitzt aber einen erstaunlich ernsten Kern. Denn in Billys Fantasien steckt eine Form der Realitätsbewältigung, die auch heute noch nachvollziehbar ist. Gerade darin liegt die satirische Stärke des Films. Schlesinger und die Drehbuchautoren Keith Waterhouse und Willis Hall machen aus Billy keinen bloßen Spinner, über den man sich lustig machen soll. Sie betrachten ihn mit einer gewissen Zuneigung und lassen dadurch viel mehr zu als eine einfache Karikatur eines gelangweilten jungen Mannes. Billys Fantasiewelt wird zum Gegenentwurf zu einer Realität, mit der er nicht richtig zurechtkommt. Man kann darüber lachen und sich gleichzeitig fragen, wie oft man selbst schon versucht hat, eine unangenehme Wirklichkeit durch Vorstellungen, Wünsche oder kleine Fluchten erträglicher zu machen.
Damit wird Geliebter Spinner gewissermaßen zu einem Ausreißer innerhalb des britischen Alltagsrealismus. Die Umgebung bleibt trist, die Lebensumstände sind wenig beneidenswert und trotzdem entsteht daraus kein deprimierendes Kino. Schlesinger findet immer wieder diese feine Balance zwischen Heiterkeit und Melancholie. Es wirkt alles wunderbar skurril, teilweise fast märchenhaft, bis der Film Billy irgendwann ziemlich unsanft mit der Realität konfrontiert. Gerade diese Momente zeigen aber, dass Schlesinger seine Hauptfigur niemals beschönigt. Billy kann charmant und lebhaft sein, gleichzeitig aber auch frustrierend, egoistisch und ausgesprochen unsympathisch. Tom Courtenay trägt diese Widersprüche hervorragend. Seine Darstellung lebt davon, dass er Billy nicht auf eine einzige Eigenschaft reduziert. Lebhaftigkeit trifft auf Frustration, Heiterkeit auf Wut und Selbstbewusstsein auf eine spürbare Unsicherheit. Gerade weil Courtenay auch die unangenehmeren Seiten seiner Figur zulässt, wirkt Billy erstaunlich echt. Es ist eine bemerkenswerte frühe Leistung des jungen Schauspielers. Julie Christie sorgt zudem mit ihrem frühen Auftritt für einen weiteren sehenswerten Moment in einer insgesamt sehr gut besetzten Produktion. Auch nach all den Jahren hat Geliebter Spinner deshalb erstaunlich wenig von seiner Faszination verloren. Es ist wunderschönes, faszinierendes Kino der 1960er-Jahre, das seine Zeit erkennt, ohne sich von der Tristesse dieser Zeit auffressen zu lassen. Und genau deshalb fühlt sich der Film nicht nur wie ein historisches Dokument an. Einige Dialoge und Charakterzüge wirken aus heutiger Sicht sicherlich etwas altbacken, doch der eigentliche Gedanke dahinter ist erstaunlich zeitlos: Wie geht man mit einem Leben um, das einem nicht gefällt, ohne sich selbst darin zu verlieren? Billy hat darauf seine ganz eigene Antwort gefunden – und genau deshalb ist dieser „Spinner“ auch heute noch so sehenswert.
Das Schwarzweißbild von Geliebter Spinner wurde erfreulich sorgfältig für die High-Definition-Veröffentlichung aufbereitet. Die Darstellung wirkt über weite Strecken erstaunlich sauber und frei von größeren altersbedingten Beschädigungen. Kratzer oder andere störende Spuren des Ausgangsmaterials treten nur selten in Erscheinung. Gleichzeitig überzeugt die Schärfe mit einer bemerkenswerten Klarheit, sodass Gesichter, Kleidung und die zahlreichen Strukturen der Schauplätze präzise zur Geltung kommen. Der helle Kontrast verleiht den Aufnahmen eine angenehme Leuchtkraft und sorgt dafür, dass auch die Grauabstufungen schön differenziert bleiben. Für einen Film aus den frühen 60er-Jahren ist das insgesamt eine ausgesprochen gepflegte und erfreulich zeitgemäße Präsentation.
Akustisch macht sich das Alter des Films etwas stärker bemerkbar. Die Dialoge bleiben jederzeit verständlich und auch die Dynamik reicht vollkommen aus, um dem Geschehen folgen zu können. Allerdings besitzt die Tonspur stellenweise einen leicht halligen Charakter, wodurch Stimmen und andere Klänge nicht immer so sauber und präzise wirken, wie es die Bildqualität vermuten lässt. Wirklich störend wird dieser Effekt zwar nicht, dennoch ist er immer wieder wahrnehmbar. Insgesamt bleibt der Klang damit solide und funktional, erreicht aber nicht ganz die technische Sauberkeit des Bildtransfers.
Beim Bonusmaterial wurde erfreulicherweise etwas mehr Mühe investiert. Gleich zwei Audiokommentare liefern zusätzliche Perspektiven auf den Film und seine Entstehung. Ergänzt wird das Angebot durch mehrere Featurettes, die nicht ausschließlich historische Informationen abarbeiten, sondern auch aktuelle Einschätzungen und Erzählungen einbeziehen. Gerade dadurch wird deutlich, dass manche Themen und Gedanken, die der Film bereits vor Jahrzehnten angesprochen hat, erstaunlich wenig an Aktualität verloren haben. Ein Bonusprogramm, das somit nicht nur zurückblickt, sondern den Klassiker auch mit der Gegenwart verbindet.