| Über kaum einen Oscar-Gewinner wurde in den vergangenen Jahren so leidenschaftlich diskutiert wie über Moonlight. Für die einen ein unantastbares Meisterwerk, für die anderen ein Film, dessen Ruf fast größer geworden ist als das Werk selbst. Die Wahrheit liegt vermutlich irgendwo dazwischen.
Eines lässt sich jedoch kaum bestreiten: Moonlight ist ein außergewöhnlich feinfühlig inszenierter Film. Mit einer bemerkenswerten Ruhe begleitet er seinen Protagonisten durch verschiedene Lebensabschnitte und zeichnet dabei das Porträt eines Menschen, der zwischen Identität, Herkunft und seiner eigenen Gefühlswelt nach einem Platz im Leben sucht. Gerade diese stille Erzählweise verleiht dem Film seine besondere Intensität. Hier wird nichts laut ausgesprochen, vieles geschieht zwischen den Blicken und den langen Momenten des Schweigens.
Authentisch und bewegend ist das ohne Zweifel. Dennoch erreicht Moonlight für uns nie jene emotionale Wucht, die beispielsweise Brokeback Mountain entfaltet. Dort reißen die Figuren den Zuschauer mit jeder Begegnung tiefer in ihre Geschichte hinein. Moonlight bleibt dagegen häufiger auf Distanz. Die Charaktere wirken stellenweise erstaunlich oberflächlich, obwohl gerade sie eigentlich das Herzstück dieses Films sein müssten. Man versteht sie, fühlt sich ihnen aber nicht immer so nahe, wie es die Geschichte eigentlich ermöglichen würde.
Vielleicht liegt genau darin auch der Grund, weshalb manche der überschwänglichen Lobeshymnen etwas über das Ziel hinausschießen. Ja, Moonlight ist ein Meisterwerk. Aber eben keines ohne Schwächen. Dafür wirkt manches zu zurückhaltend, manches zu skizzenhaft und manches hätte ruhig noch etwas tiefer gehen dürfen.
Den Oscar als bester Film hat sich das Werk dennoch verdient – auch wenn man durchaus darüber diskutieren kann, ob unter den damaligen Nominierten nicht noch stärkere Filme vertreten waren. Diese Auszeichnung schmälert die Qualität des Films keineswegs, regt aber bis heute zu interessanten Gesprächen an.
Letztlich bleibt Moonlight vor allem eine Coming-of-Age-Geschichte. Wer jedoch ein klassisches Gay-Drama erwartet, dürfte überrascht sein. Der Film interessiert sich weit weniger für die Liebesgeschichte als für den Menschen dahinter. Genau darin liegt seine größte Stärke – und zugleich auch der Grund, weshalb er manche Zuschauer tiefer berührt als andere. |